In der Schweiz leben laut dem Bundesamt für Statistik (BFS) 1,8 Millionen Menschen mit einer Behinderung. Also ein Fünftel aller Einwohnerinnen und Einwohner. In der subjektiven Wahrnehmung klingt das nach einer erstaunlich hohen Zahl, eine Zahl aber auch, die zeigt, dass Menschen mit einer Behinderung eigentlich gar nicht das sind, als was sie gesellschaftlich oft und gerne dargestellt werden. Eine «Randgruppe».

Die Sprache hat Macht. Viel Macht. Sie formt nämlich das Bewusstsein und die Meinungen der Menschen, verfestigt Vorurteile, schürt Ängste. Oder sie macht das Gegenteil, zeichnet ein Bild der Empathie und Teilhabe, der Offenheit und lässt in allen das Gefühl entstehen, willkommen zu sein und gehört zu werden.

Sprache ist aber auch dynamisch, ein lebendiger Organismus. Was vor 10 Jahren noch gesellschaftlich akzeptiert war zu sagen, ist es heute vielleicht bereits nicht mehr. Weil Sprache von Menschen gemacht wird.

Schicksal und Inspiration

Wenn die Sprache sich um das Themenfeld Behinderung dreht, ist oft eine Verunsicherung zu spüren, wie «richtig» über Behinderung als gesellschaftliches Phänomen gesprochen und in den Medien berichtet wird. «Richtig» hiesse im Optimalfall «diskriminierungsfrei» und ohne Ängste und Vorurteile zu reproduzieren und diese durch die Reproduktion weiter in den Köpfen der Menschen zu verfestigen.

Doch was bedeutet das überhaupt? Und wie kann das erreicht werden? Es gäbe zig Beispiele aus dem Alltag und den Medien, anhand welcher Wege und Strategien zu einer diskriminierungs- und vorurteilsfreien Berichterstattung aufgezeigt werden könnten, und diese sollen irgendwann auch im Rahmen einer Doktorarbeit zur diskursiven Konstruktion von Behinderung in der Schweiz aufgearbeitet werden. In diesem beschränkten Rahmen bleibt aber nur Zeit und Raum für ein paar ausgewählte Beispiele und Gedanken.

In den Medien sind immer noch zwei Muster der Berichterstattung über Menschen mit Behinderung (1) feststellbar. Vorab im englischsprachigen und auch im deutschsprachigen Raum wurde dies in der Forschung, den sogenannten Disability Studies, schon oft gezeigt. Entweder wird das Bild eines Menschen gezeichnet, der unter seiner Behinderung «leidet». Oder der Mensch wird als Superheld dargestellt, der sein Leben «trotz seiner Behinderung» meistert. Ein beliebtes Stilmittel ist es, eine berührende Schicksalsgeschichte zu konstruieren. Besonders gut geht das natürlich, wenn die zu porträtierende Person aufgrund eines Unfalls mit einer Behinderung lebt. Detailgenau kann dann nacherzählt werden, welche Tragik der Person widerfahren und wie schwierig es danach gewesen sei, wieder ins Leben zu finden. Schon ist der Teppich ausgelegt, das Leben der Person als besonders schlimm auszulegen, Mitleid zu empfinden oder gerade weil einer Person so etwas widerfahren ist, sie als Inspiration zu sehen.

(1) «behinderte Menschen» wäre ebenfalls eine legitime Bezeichnung. Dies wäre ein Beispiel für «identity-first language» während «Menschen mit Behinderung» sogenannte «person-first language» ist. Kritikpunkt an letzterer ist, dass durch das Einfügen des Wortes «mit» eine Distanz zu Behinderung hergestellt werde, wodurch auch gewisse Berührungsängste manifestiert würden, während «identity-first language» direkter und genauer sei. Grundsätzlich ist stets bei Betroffenen zu fragen, welche Bezeichnungsart gewünscht sei.

Gefängnis und Fesseln

Diese Herangehensweise kann und wird natürlich verteidigt mit dem Argument, dass durch das Hervorrufen von Mitleid Gelder generiert werden, die Menschen mit Behinderung zugutekommen. Das ist seit Jahr und Tag das Geschäftsmodell von vielen Behindertenorganisationen und -vereinigungen. Zum Beispiel, wenn es auf Plakaten und in Werbespots einer der grössten Vereinigungen überhaupt heisst, «Ich sitze unschuldig» und dadurch eine Analogie von Rollstuhlfahrenden zum «im Gefängnis sitzen» hergestellt wird. Aber ist der Rollstuhl ein Gefängnis? Ist er nicht vielmehr das Hilfsmittel, das Millionen Menschen weltweit Unabhängigkeit und Freiheit ermöglicht und dadurch das Gegenteil eines Gefängnisses verkörpert? Eine Metapher, die dieselbe Assoziation des Gefangenseins hervorruft, ist «an den Rollstuhl gefesselt», welche immer wieder verwendet wird, um Rollstuhlfahrende zu beschreiben. Oft ohne Hintergedanken oder böse Absicht, sondern einfach «weil man das so sagt» oder «schon immer so gesagt hat». Wie falsch diese Metapher aber im Grunde ist, ist vielen nicht bewusst, was belegt, wie tief verwurzelt und normalisiert das stereotype Bild von «Behinderung = Leid» in den Köpfen der Menschen ist.

Zurück zur Berichterstattung. Neben konstruierten Schicksalsgeschichten ist im Sprachgebrauch feststellbar, dass eine Vielzahl von Euphemismen verwendet werden, mit dem Ziel, ein Wort um jeden Preis zu verhindern: Behinderung. Da heisst es dann beispielsweise «Beeinträchtigung», «Einschränkung», «Handicap», «spezielle Bedürfnisse», «spezielle Fähigkeiten», «besonders» - der Kreativität sind fast keine Grenzen gesetzt. Solche Euphemismen sind aber vor allem ein Beleg der Unsicherheit und Angst. Sie werden von Nicht-Behinderten ins Leben gerufen in der Annahme, etwas Gutes zu tun. Dabei bewirken sie das Gegenteil. Sie führen dazu, dass Behinderung in den Köpfen der Menschen etwas Schlechtes ist, das um jeden Preis vermieden werden muss, weil sonst das Leben «nichts mehr wert» ist. Diese negative Grundhaltung gegenüber Behinderung spiegelt sich auch darin, dass «behindert» seit Jahrzehnten vorab in der Jugendsprache als abwertender, negativ konnotierter Begriff und als Beleidigung verwendet wird. Dies hat dazu geführt, dass selbst bei Betroffenen eine Vermeidung dieser Begriffe beobachtet werden kann. Was dann von Nicht-Behinderten wiederum als Legitimation für ihre Denk- und Vorgehensweise verstanden wird. Im Grunde ist es aber einfach das Phänomen des «internalisierten Ableismus». Vereinfacht bezeichnet Ableismus die Diskriminierung aufgrund einer Behinderung. Dies beinhaltet eben auch die Annahme, dass Behinderung per se etwas Negatives ist, das vermieden werden muss - nicht nur sprachlich, sondern überhaupt.

Die Brille als Vorbild

Es ist wichtig, diese Ängste abzulegen und Behinderung auch als solche zu bezeichnen. Denn Behinderung ist im Grunde eine Eigenschaft einer Person wie die Haarfarbe. Sie gehört zu einem Menschen dazu wie alles andere, was ihn einzigartig macht, ist aber deswegen nicht die Quelle für eine inspirierend-tragische Geschichte, die nur aufgrund von stereotypisierenden, auf Unsicherheiten und Ängsten basierenden Meinungen überhaupt als solche wahrgenommen wird. Ein Gedankenspiel: Eine Brille ist ein Hilfsmittel, das das Leben vieler Menschen einfacher macht. Käme jemand auf die Idee, Brillenträger*innen zu fragen, wie schwierig es für sie ist, ohne Brille nicht gut sehen zu können? Oder was ihnen passiert ist, dass sie eine Brille brauchen? Oder zu sagen, wie inspirierend sie doch seien, dass sie sich trotz ihrer Brille unter die Leute, an Konzerte, ins Restaurant, in einen Club wagen würden? Das wäre wohl ziemlich absurd. Weil Brillen gesellschaftlich als Hilfsmittel akzeptiert sind. Erst wenn das bei anderen Hilfsmitteln, die einen als in irgendwelcher Form behinderter Mensch unterstützen, auch so ist, ist die Akzeptanz von Behinderung als gesellschaftliches Phänomen auf einem Niveau, dass ein diskriminierungsfreies Leben miteinander möglich wird.

Projekte wie «Reporter:innen ohne Barriere» von Inclusion Handicap geben Menschen mit Behinderung eine Chance, ihre Perspektive einzubringen und gehört zu werden, verfestigte Strukturen und Denkweisen aufzuweichen und ganz verschwinden zu lassen. Als rollstuhlfahrender Journalist fühle ich mich heute im Arbeitsalltag oft als Exot. Dank dieses Projekts könnte das schon bald nicht mehr so sein.