Lovis sitzt und schaut direkt in die Kamera. Lovis lacht. Lovis trägt ein rosa Cap, königsblaue Trainerhosen und ein schwarzes Kurzarmshirt. Am rechten Oberarm ist ein Schwalbentattoo zu sehen. Lovis hat zwei Nasenpiercing-Ringe. Das Foto wurde an einem sonnigen Tag draussen aufgenommen. Lovis sitzt auf einer Terrasse. Es gibt Pflanzen rundherum. Die Aufnahme enthält Unschärfen und wurde durch grüne Äste und Blätter hindurch fotografiert. Dadurch ist Lovis von einem verschwommenen, kunstvoll-abstrakten Grün umrahmt. Bildquelle: Silvia Meierhofer

Lovis sitzt und schaut direkt in die Kamera. Lovis lacht. Lovis trägt ein rosa Cap, königsblaue Trainerhosen und ein schwarzes Kurzarmshirt. Am rechten Oberarm ist ein Schwalbentattoo zu sehen. Lovis hat zwei Nasenpiercing-Ringe. Das Foto wurde an einem sonnigen Tag draussen aufgenommen. Lovis sitzt auf einer Terrasse. Es gibt Pflanzen rundherum. Die Aufnahme enthält Unschärfen und wurde durch grüne Äste und Blätter hindurch fotografiert. Dadurch ist Lovis von einem verschwommenen, kunstvoll-abstrakten Grün umrahmt. Bildquelle: Silvia Meierhofer

Was genau ist Unmasking?

Der Begriff wurde stark von der autistischen Community geprägt, hat sich aber inzwischen auf die ganze neurodivergente Community ausgeweitet. Er ist extrem komplex und vielschichtig. Neurodivergente Menschen lernen leider früh, sich der neurotypischen Gesellschaft anpassen zu müssen. Wenn sie es nicht tun, werden sie oft «abgestraft» oder ausgeschlossen. Bei Unmasking geht es um die Fragen, wie wir uns ständig angleichen, und welche Verhaltensweisen uns eigentlich mehr entsprechen würden. Wir hinterfragen dabei auch immer die Erwartungshaltung der Gesellschaft.

Was ist das Problem beim Masking?

Gerade neurodivergente Menschen investieren sehr viel Energie und Zeit damit, sich in die neurotypische Gesellschaft einzufügen. Dies bedeutet – oft unbewusst – sehr viel Stress. Sie sind ständig damit beschäftigt, ihr Verhalten zu reflektieren und sich so zu benehmen, wie es ihnen eigentlich nicht entspricht. Lebenslanges Masking kann auch zu einem so genannten autistischen Burnout führen. Diese Art von Burnout gibt es auch mit anderen Formen von Neurodivergenzen, aber das ist noch nicht so gut erforscht, deswegen gibt es noch keinen übergreifenden Namen. 

Wo setzen Sie bei Ihren Workshops an?

Es geht nicht darum, kein Masking mehr zu betreiben.Vielmehr möchte ich die Workshopteilnehmer:innen dafür sensibilisieren, besser zu verstehen, wann und weshalb sie masken. Wir machen freiwillige Übungen, die helfen, sich in einem sicheren Raum besser mit sich selbst und den eigenen Bedürfnissen zu vernetzen. Und zu verstehen in welchen Alltagssituationen sie ihr Masking vielleicht auch abbauen können, um näher bei sich selbst zu bleiben. Eben auch, weil Masking sehr viel Energie kostet. 

« Ich habe gemerkt, dass es ein grosses Bedürfnis gibt, sich mit Unmasking auseinanderzusetzen. Ich verstehe meinen Workshop als eine Einladung zu einem neurodivergenten Raum, wo wir uns austauschen, Erfahrungen teilen und Neues ausprobieren können. »

Lovis Heuss, Künstler:in

Wie kann man sich dem Unmasking annähern?

Indem man beginnt, das zu tun, was man eigentlich bräuchte. Und es auch benennt. So ist es okay zu sagen: «das geht jetzt für mich gerade nicht», «es ist mir zu laut hier», «ich habe das nicht verstanden», «da habe ich jetzt den Faden verloren» oder «hey, ich habe es einfach nicht geschafft, früher fertigzuwerden.» Anstatt zu lügen, wenn man zum Beispiel zu spät kommt. Man muss den Menschen beispielsweise auch nicht in die Augen schauen, wenn das für einen unangenehm ist, und lernen abzusagen oder früher nach Hause zu gehen. Masking betrifft wirklich alle Lebensbereiche, von Tagesstrukturen, über Launen und Beziehungen, bis hin zu Essenspräferenzen. Indem einem solche als stressig empfundene Alltagssituationen bewusstwerden, kann man eine Unmasking Praktik entwickeln. 

Was denken Sie, kann diese auslösen?

Würden wir alle mehr unmasken, wäre sich die Gesellschaft mehr bewusst, dass es neurodivergente Menschen und diese sonst eher «unsichtbaren Behinderung» gibt und was unsere Bedürfnisse sind. Dann könnte sie sich auch ändern. Ein angenehm gestalteter Raum mit Rückzugsmöglichkeiten beispielsweise, käme allen zugute. Für uns wäre das notwendig, für die anderen bloss willkommen. Unmasking hat auch etwas sehr Politisches. Dabei schwingt mit: Hey ich muss mich nicht ständig der Gesellschaft anpassen – sie kann sich auch ein Stück weit mir annähern.

Ist das Ziel, eines Tages die Maske ganz ablegen zu können?

Masking ist nicht automatisch schlecht. Es ist auch etwas sehr Wichtiges und Gutes. Masking ist auch eine Überlebensstrategie und ein Privileg – nicht alle können sich der Normgesellschaft gleich gut anpassen. Es geht in den Workshops vor allem darum, festzustellen, wo wir überall masken. Und ganz allgemein weniger Scham zu empfinden. Scham ist für viele ein grosses Thema. 

« Gerade neurodivergente Menschen investieren sehr viel Energie und Zeit damit, sich in die neurotypische Gesellschaft einzufügen. Dies bedeutet – oft unbewusst – sehr viel Stress. »

Lovis Heuss, Künstler:in

Ist Unmasking in allen Lebenssituationen gleichermassen machbar?

Sich bei der Arbeit unzumasken ist noch einmal eine ganz andere Geschichte als dies beispielsweise mit Freunden, Familie oder mit dem Partner zu tun. Jede:r muss für sich selbst herausfinden: Wann kann ich wie unmasken? Wo habe ich die Sicherheit und den Support um das zu tun? Diese Fragen helfen dabei, eine Alltagspraxis zu entwickeln. Dabei können folgende Fragen helfen: Wann brauche ich Pausen? Wie sehen diese aus? Wofür brauche ich wie viel Zeit? Wann macht mich etwas sehr nervös? 

Wie reagiert das Umfeld auf Unmasking?

Es ist mir wichtig zu sagen, dass das Unmasking von einer Person, eine andere Person sehr triggern kann. Wenn zu Beispiel Geräusche einer Person guttun, heisst das nicht, dass dies andere im Raum nicht irritieren kann. Was für die einen Zugänglichkeit schafft, ist für andere unangenehm. Deswegen ist Unmasking auch etwas, das in jedem Raum und mit jeder Person wieder neu verhandelt werden muss. Ich persönlich habe verschiedene «Grade» von Unmasking und lebe die – je nach Situation – verschieden fest aus.

Wie sind Sie dazu gekommen, diese Workshops anzubieten?

Ich studiere «Transdisziplinarität in den Künsten» an der ZHdK. Im Rahmen meines Studiums habe ich mich auch mit Gender-Transition befasst, mit meiner späten ADHS-Diagnose, auch mit diesen Überlappungen. So habe ich Unmasking entdeckt und im Unterricht mein eigenes Unmasking gemacht: Ich habe zum Beispiel damit begonnen, einen Teppich in den Unterricht mitzunehmen und festgestellt, dass das anderen auch hilft. 

« Es geht nicht darum, kein Masking mehr zu betreiben. Vielmehr möchte ich die Workshopteilnehmer:innen dafür sensibilisieren, besser zu verstehen, wann und weshalb sie masken. »

Lovis Heuss, Künstler:in

Was bezwecken Sie mit den Workshops?

Ich habe gemerkt, dass es ein grosses Bedürfnis gibt, sich mit Unmasking auseinanderzusetzen. Ich verstehe meinen Workshop als eine Einladung zu einem neurodivergenten Raum, wo wir uns austauschen, Erfahrungen teilen und Neues ausprobieren können. Es geht mir nicht darum, was ein «richtiges» Unmasking ist, sondern allen einen Zugang dazu zu schaffen. Unmasking ist für alle etwas anderes. 

Was hat Sie beim Workshop am Festival Inkluvision berührt?

Es ist immer wieder beeindruckend, wie emotional viele werden. Manche stimmt es auch traurig, wenn ihnen bewusst wird, wie viel Energie sie in das Masking bislang investiert haben. Das beschäftigt mich, aber es ist auch schön. Ich höre immer wieder von Teilnehmer:innen des Kurses, dass er etwas bei ihnen ausgelöst und sie bewegt hat. Auch ich denke gerne an Erfahrungen zurück, die ich in Workshops gesammelt habe. 

Was wünschen Sie sich?

Beschäftigt man sich mit Masking, wird einem einfach bewusster, wann man es einsetzt und welche Energie dafür verpufft. Ich wünsche mir eine Welt, in der neurodivergente Menschen auch im Bus oder im Unterricht das tun können, was ihnen gut tut. Masking wird immer existieren. Aber wenn mehr Menschen im Alltag Unmasking betreiben, wird es sichtbarer und die Gesellschaft wird mit der Zeit auch lernen müssen, besser mit uns und unseren Bedürfnissen umzugehen.

Buchtipps von Lovis

  • Unmasked – The Ultimate Guide To ADHD, Autism And Neurodivergence von Ellie Middleton

  • Unmasking Autism. The Power of Embracing Our Hidden Neurodiversity von Devon Price